Hochschulseminar – Die Form des Städtischen
Themenstellung
Prof. Klaus Schäfer, Lehrstuhl für Städtebau und Entwerfen, Hochschule Bremen, Wintersemester 2012/2013

Hat das Städtische eine Form? Aus der nachfolgenden These von Hans Paul Bahrdt läst sich eine Begründung ableiten, wie sehr die morphologischen Eigenschaften den Charakter des Städtischen beeinflussen, wie sehr das ‚Zivile’ einen räumlich definierten Ort in der Gesellschaft benötigt.

„Unsere These lautet: Eine Stadt ist eine Ansiedlung, in der das gesamte, also auch das alltägliche Leben die Tendenz zeigt, sich zu polarisieren, d. h. entweder im sozialen Aggregatzustand der Öffentlichkeit oder in dem der Privatheit stattzufinden. Es bilden sich eine öffentliche und eine private Sphäre, die in engem Wechselverhältnis stehen, ohne daß die Polarität verlorengeht. Die Lebensbereiche, die weder als -öffentlich- noch als -privat- charakterisiert werden können, verlieren hingegen an Bedeutung. Je stärker Polarität und Wechselbebeziehung zwischen öffentlicher und privater Sphäre sich ausprägen, desto -städtischer- ist soziologisch gesehen, das Leben einer Ansiedlung. Je weniger dies der Fall ist, desto geringer ist der Stadtcharakter einer Ansiedlung ausgebildet.“

Nicht von ungefähr wird dieser Satz als eine der Kernaussagen der Schrift „Die moderne Großstadt – Soziologische Überlegungen zum Städtebau“, gerne herangezogen um einer differenzierten Sichtweise Willen auf die Gestalt und Gestaltung der Stadt. In diesem Standardwerk der Stadtsoziologie gelingt Bahrdt eine treffende, nach heutigen Maßstäben geradezu radikale Beschreibung dessen, was städtisch zu nennen ist oder gern, und dies ist das Gegenteil von präzise, als urban beschrieben wird. Er wirft damit die Stadt auf ihre Form zurück, Architektur und Städtebau, Haus an Haus oder das Haus im Zwischenraum? Die pragmatische ‚Zwischenstadt‘ findet ihre Abwertung nicht nur durch den ökologische Preis, den wir für sie zahlen haben, sondern eine dieser offenen Siedlungsform entgegenzustellende wichtige soziale Dichte geht einher mit einer konkreten Wahrnehmung des Raumes. Dieser Raum hat unbestritten eine Form auf dessen Bedingungen in der Aussage von Bahrdt verwiesen wird. Hervorzuheben bleibt, dass ‚soziale Dichte‘ sich nicht allein auf eine Wohnnutzung beschränken darf, sonder als die enge Nachbarschaft unterschiedlicher Tätigkeiten verstanden werden muss.
Elementar ist neben der Polarität aus ‚Privat‘ und ‚Öffentlich‘ aber auch der Begriff der ‚Wechselbeziehung‘, des Austausches und gegenseitigen Bedingtheit nachzugehen.
Seminaristisch folgen wir der These von H.P. Bahrdt, aus verschiedensten Richtungen, um sie unter Beweis zu stellen. Was ist städtisch an einem Raum, wie weit hat die Form Einfluss auf das soziale Verhalten im Stadtraum. Welche Rolle spielt dabei die Architektur, oder was bestimmt die Wechselbeziehung der Gebäude mit ihrer Umgebung. Vom architektonischen Detail bis zum städtebaulichen Konzept, von der Philosophie des öffentlichen Raumes und seiner kulturellen Prägung sind Themen zur Recherche für uns daraus entstanden. Die Rezeption der Bahrdt’schen These wird untersucht und wieder einmal werden wir auch gemeinsame Gruppen-Experimente im öffentlich Raum planen.