Hochschulseminar – Die inklusive Stadt
Themenstellung
Prof. Klaus Schäfer, Hochschule Bremen, Wintersemester 2013/2014

Installation von Streetart-Künstler JR in Rio, 2008-2009

(Quelle: “The Telegraph”, Picture: EPA) 

 

Die inklusive Stadt ist inzwischen zu einem Schlagwort geworden, das einerseits abzielt auf die Integrationsfähigkeit unserer Gesellschaft, aber auch etwas beschreibt, was als wesentlicher Wert einer Stadtgemeinschaft gelten darf. Geht es hier um spezifische Gruppen und die Verteidigung ihrer Rechte oder besitzt die Stadt schon ihrer Form nach (Dichte, Mischung, Nachbarschaft, Verfasstheit) die Möglichkeit Ungleichartigkeiten seiner Bewohner nicht nur zu tolerieren, sondern darüber hinaus davon zu profitieren? Welchen Einfluss hat hierbei die gebaute Umwelt? Programme für beispielsweise behindertengerechtes Wohnen erscheinen dabei nur als architektonische Einzellösungen, wo sich stadtstrukturelle, also auch gesamträumliche Fragen aufdrängen.
Die Integrationsmaschine Stadt1 stellt als Begrifflichkeit heraus, was das Wesen des städtischen Lebens sein sollte, wenn „(…)die Stadt eine Siedlungsform (ist), die die Begegnung einander fremder Menschen wahrscheinlich macht(..)“, so Richard Sennett2, darf man dem Fremden damit auch die freie Entfaltungsmöglichkeit in der Gesellschaft zubilligen.
Der Begriff der Inklusion geht aber über den Punkt der Toleranz als ein passives Verhalten hinaus. Er spricht von einer aktiven Anerkennung, von Teilhabe und Anteilnahme. Der Grad zwischen Toleranz und Anteilnahme kann sehr klein sein. Toleranz unterscheidet sich von der Gleichgültigkeit durch die Fähigkeit zur Empathie. Das Leben und Aufwachsen in der Stadt sollte zur Empathie befähigen. Immer sind wir Teil einer Minderheit und Teil einer Mehrheit in der Gesellschaft. Unser Talent zum Perspektivwechsel hängt dabei von unserer Fähigkeit zur Anteilnahme ab, sowie der eigenen Betroffenheit.
Enger gefasst bedeutet 'inklusive Stadt' die Teilhabe am Alltagsleben für diejenigen zu ermöglichen, die hierzu keinen selbstverständlichen Zugang haben. Dies kann durch technische Hilfe erfolgen, baulicher Art sein, oder durch menschliche Hilfe erfolgen.
Dem Inklusiven steht das Exklusive gegenüber. Exklusiv bedeutet das Besondere, nur einer bestimmten Gruppe zugehörige und ausschließende. So allgemein betrachte wird das Inklusive zum Gemeinsamen, allen zugängliche für jeden erreichbare.
Mit dem 'Städtischen' wird eine andere bauliche Form benannt, die der individuell technischen überzuordnen ist. Hier geht es um das Zusammenleben in der Gesellschaft, aus der Sicht des Architekten, dem Zusammenwirken von öffentlich und privat und seiner städtebaulichen Form. Es geht um (…)die Stadt als eine sozialräumliche Struktur, die Dichte und Heterogenität organisiert und auf diese Weise Inklusion gewährleistet.(…)“3
Diesen unterschiedlichen Facetten und Maßstäben der inklusiven Stadt gehen wir in unserem Seminar auf den Grund. Im Abschluss wird unsere eigene Interpretation dieser Überschrift, des Anspruchs, des Ideals… in einem Gruppen-Experiment gefragt sein. Wie lässt sich im öffentlichen Raum die „Inklusivität“ der Stadt nachweisen?


1 Hartmut Häussermann
2 Richard Sennett, Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität.
3 Martina Löw, Interview S.128, Kunstforum Bd190