Hochschulseminar - Zu Fuß
Der Flaneur
Markus Seidel, 31.03.2008

The Flaneur was regarded as a puplic appearance in the streets of the European cities between the 18th and the 20th. With a view of the cities London, Paris and Berlin and their developent the Flaneur is looked at.

Merkmale des Flaneurs / der Flanerie

- Flanieren ist nicht ziellos, im Sinne von intentionslos
- weil die Flanerie sich in einem Frei-raum und in einer Frei-zeit ereignet, lassen sich mit dieser Gehbewegung unterschiedliche Intentionen verknüpfen. Die Grenze vom Flaneur zum Detektiv oder zum Passanten
- den Flaneur zeichnet sein Bewegungs- und damit verbundener Wahrnehmungsmodus aus
- nie ist die Rede von einem zu erreichenden Ort, nie von einer zeitlichen Verpflichtung. Der Flaneur hat Frei-raum und Frei-zeit, um den Zeit-raum der Großstadt zu durchstreifen
- dabei macht er Begegnungen überraschend zufällig, er verweilt dort, wo Passant vorbei eilt, er entdeckt, was sich dem Blick des Passanten entzieht und er nimmt sich Zeit, das, was ihm begegnet auch näher zu beobachten

Vom Spazierengang zum Flaneur – die Geschichte und die Bedeutung für die Literatur

- 1802 entwirft Altphilologe Karl Gottlob Schelle eine Theorie des Spaziergangs
- der Spaziergang vereint die Fähigkeit des Körpers und die Sinnlichkeit der Eindrücke mit der Aktivität des Geistes
- die Figur des Flaneurs ist in der deutschen Kultur – und Literaturgeschichte untrennbar mit Walter Benjamin verbunden
- die historische Figur des Flaneurs hat ihren Ursprung in Paris des 19.Jahrhundert
- Durch das 19. Jahrhundert in Paris flanieren der alte Adel, reiche Bankiers, reiche Kaufleute, Ärzte und Apotheker

Entwicklung europäischer „Großstädte“ 1/6

London

- Anfang des 19.Jahrhundert Spielte das Landleben in London eine untergeordnete Rolle
- die Stadtplaner Londons setzten auf Ökonomie und Effizienz, weniger auf repräsentative Bauten
- die englische Hauptstadt, damals größte Stadt der Welt, besaß den größten Hafen und wurde auch zum Finanzzentrum der Weltmacht
- hektische Geschäftigkeiten prägten schon im frühen 19,Jahrh. Das Erscheinungsbild Londons

Entscheidende architektonische Veränderung des Stadtbildes
- die Erbauung der Regent Street 1813 – 1823
- in der mit langen Kolonnaden ausgestattete Regent Street befanden sich unten elegante Läden und oben Privatwohnungen / diese bot einen Raum zum Einkaufen und Promenieren
- Oxford und Bond Street mit ihren Schaufenstern luden zum Bummeln ein
- Arkaden und geschlossene Einkaufszonen 1818 standen den Flaneuren als Aufenthaltsorte zur Verfügung
- Mitte des 19.Jahrhundert brachte der wirtschaftliche Aufschwung eine funktionale Umstrukturierung mit sich
- es entstand ein ungeheurer Bedarf an Büro- und Geschäftsräumen
- Umwandlung der City in ein monofunktionales Geschäfts- und Finanzzentrum
- das Leben nach Geschäftsschluss verödete
- die Möglichkeit der Flanerie wurde durch die Umstrukturierung beschränkt

Berlin

Hindernisse auf dem Weg zu einer modernen Metropole
- Berlin wird 1802 von einer 16km langen Mauer mit 14 Toren umgrenzt
- Berlin schafft es von 1800- 1850 nicht ein einheitliches Konzept zur Stadtplanung zu entwerfen
Eröffnung der Eisenbahngesellschaft um 1838
- Bahnhöfe wurden außerhalb der Stadtmauern errichtet
- das Leben in den Stadtteilen nahe der Bahnhöfe änderte sich drastisch
- die Straßen wurden von dem Hin- und Rückstrom von Fußgängern, Droschken und Kutschen geprägt
- Die Nähe zur Landschaft und Natur wird gestört
- Um die verlorene Ruhe wieder zu finden zieht es die Leute tiefer in die Stadt hinein

Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhundert
- Eisengießereien, Maschinenbau und Elektroindustrie sprießen hervor
- der Straßenbau hingegen wird vernachlässigt öffentliches Leben
- dieses spielt sich nur hinter verschlossenen Türen in den Kaffeehäusern, Konditoreien und Zeitungshallen ab
- es gibt bzw. es entsteht keine Flanerie in Berlin
- es fehlt im Vergleich zu London an einer Regent Street wo sich Einkaufen und Schaufenster mit der Flanerie verknüpfen
- es fehlt aber auch an allem, was zur gleichen Zeit in Paris die Flanerie begünstigt
- keine Boulevards und keine Passagen

Paris

- auch Paris tat sich um die Wende des 18.Jahrhundert schwer
- die städtische Infrastruktur ließ auch wenig Möglichkeiten zum Flanieren zu
- unzureichende Abfall- und Abwasserversorgung, der rege Wagenverkehr und die in viel zu geringem Umfang vorhandenen Bürgersteige machten den Spaziergang zu einem abenteuerlichen Unterfangen
- mit der Anlage der Trottoirs (Gehwege) wurde 1825 begonnen Passagen
- 1800 – 1825 wurde mit der Tendenz ein weitläufiges Fußgängersystem zusammen zuschließen 21 Passagen errichtet
- dieses Netz bot die Möglichkeit zum Spazierengehen
- Vorbild der Passagen war das Palais Royal
- Ausbau der Bürgersteige wurde bis 1848 um das zehnfache erhöht
- Gaslicht wurde ab 1830 für ein relativ gefahrloses nächtliche Unterwegssein installiert
- der Handel drängte parallel zum Umgestaltungprozess aus den engen Passagen auf die Straßen hinaus
- die Passagen waren dennoch fregmentiert, weil in ihnen Cafes und Lesekabinetten die Tageszeitungen auslagen und in Restaurants Mahlzeiten eingenommen wurden

Buntes Treiben auf den Straßen
- zum Dandy und Bürger gesellte sich die Berufsgruppe der Journalisten auf die Straßen und Boulevards
- den Journalisten bot sich eine aufsehenderregende Ereigniswelt, in der immer etwas geschah worüber sich zu berichten lohnte
- das Aufkommen der Boulevards gründet die Flanerie in eine neue Weise
- die Stadt verliert ihren fixen Mittelpunkt indem ihre Erlebnisräume sich in die angrenzenden Straßen mit Lokalitäten fächert, also erst so zur Großstadt wird

Berlin um 1900

Wie hat sich Berlin in der zweiten Hälfte des 19.Jahrh. entwickelt?
- Berlin kennt mittlerweile die erste Passage, die Kaisergalerie
- dennoch weit entfernt zur Heimstadt der Flaneure zu avancieren
- nicht der Flaneur, sondern das Nachtleben prägt die Großstadt
- 1912 protzt Berlin mit ihren errungenen Größe
- Berlin überbietet die europäische Metropole Paris in seinem Nachtleben und weist sich zugleich als moderne Stadt aus
- die Stadt ohne Nacht(leben) wird zur Stadt ohne Nacht(ruhe)

Begrenzung der Flanerie zu Beginn des 20. Jahrhundert 1/2

Berlin

- Frei-zeit und Frei-raum des Flanierens widersprechen sich mit dem profit- wie leistungsorientierten System Berlins

Anstatt durch die Großstadt zu flanieren, denkt der Deutsche lieber über sie nach:
- Gedanken- statt Spaziergänge
- der Flaneur kann sich im Alltag Berlins nicht etablieren

Bautätigkeiten fordern vor allem eines:
- „Das Buddeln, so dass es nicht kaum flanieren lässt“
- Anfang des 20. Jhr. spiegelt Berlin eher einer permanenten Baustelle und Verkehrschaos wider

Lediglich zwei Passagen hat Berlin anzubieten, Kaiser- und Lindengalerie
Es entstehen die ersten Warenhäuser, wobei Berlin Paris wieder hinterher hinkt
- die geringe Zeitspanne der Passagen zu den Warenhäusern stellt das Problem der Flanerie dar
- im Vergleich zu Paris, wo der Raum über Jahrzehnte zum Flanieren ermöglicht wurde, sind in Berlin die ersten Warenhäuser fast in die gleiche Zeit der Passagen zu setzen
- so entstand in Paris bereits ein halbes Jahrhundert vor den ersten Warenhäusern ein Ort der Gehbewegung
- man forcierte die Einrichtung von Boulevards, die einen weiten Raum für die Flaneure als Heimstadt anbot

Begrenzung der Flanerie zu Beginn des 20. Jahrhundert 2/2

In Berlin hingegen rückt der Ort des Flanierens in die Warenhäuser
Der Begriff des Flaneurs fällt
- der urbane Spaziergänger wird zum Konsumgänger
- der Flaneur mutiert zum Konsumenten
- der Blick richtet sich zum Schaufenster, sein Gang wird magnetisch vom Warenhaus angezogen
- der Flaneur wird zum Kunden und seine Grundausstattung besteht nicht länger im Regenschirm, sondern im Geldbeutel

„Das Warenhaus wird zum letzten Strich“ laut Benjamin
- es entwickelt sich ein neuer Typ des Flaneurs
- er ist jetzt Konsument, nicht mehr der Typ des ziel – und zeitlosen Gehens