Hochschulseminar - Zu Fuß
Venedig - Die Stadt der Fussgänger
Mathias Salbeck, 3.2.2008

Auftritte_Scenes – Interaktionen mit dem architektonischen Raum: die campi Venedigs

The continual fascination with Venice’s Campi shows that this feature of urban architecture still has a significant role to play in modern life for today’s architects and urban planners.


Die Campi Venedigs sind jene Plätze, die abseits der zentralen Piazza San Marco die wichtigsten Orte des öffentlichen Lebens in Venedig bilden. Dabei sprechen uns diese städtischen Plätze durch einen eigentümlichen "szenischen Effekt“ an, der nur wirksam wird durch das Zusammenwirken der Platzarchitektur mit realer Bewegung und konkretem Handeln des Fußgängers.

So wird unser Aufenthalt auf dem Platz zum „Auftritt“ auf der „Bühne“. Zwar wird unsere Erfahrung in einer historischen Stadt heute nicht mehr den Intentionen der Erbauer gerecht; dennoch machen wir auch heute konkrete, lebendige Erfahrungen. Dabei bietet das materielle Repertoire der venezianischen Plätze heute noch einen lebendigen Handlungsrahmen für eine Neuinterpretation im Sinne des Erlebnisses der eigenen Bewegung in der Stadt.

Die zahlreichen Faktoren, wie das Gefühl von Enge und Weite, Beklemmung und Befreiung, sowie Widerstand und Hindernisüberwindung, lösen die resultierende Begeisterung für den städtischen Raum aus. Diese beständigen menschlichen Grunddispositionen scheinen sich aber durch gegenwärtige gesellschaftliche Veränderungen auch auf unsere Wahrnehmung zum städtischen Raum auszuwirken.
Besonders die drei Phänomene - Szene, Emergenz und Gewebe - kennzeichnen die Tendenzen in unserem Raumverständnis. Sie prägen den Umgang mit dem Stadtraum in den sich rapide verändernden Großstädten. Aber genau Venedig weist im Gegensatz zu beispielsweise Rom, mit seinen klaren Achsen und Bereichsgliederungen, die genannten Phänomene in der historischen stadträumlichen Struktur auf.

Analysiert man Venedig anhand des Begriffes Szene so erkennt man die schon häufig beobachtete Theatralität dieser Stadt auf. Als beispielhafter Ort gilt hier die Piazza San Marco. Dennoch betreffen alle Festivitäten und Schauveranstaltungen nur das Theatralische im Sinne der heutigen Performance. Die szenische Wirkung erfährt man beiläufig, wenn man abgesehen vom Markusplatz einen der anderen vielen Campi betritt. Dabei entsteht ein Eindruck auf einer Bühne des alltäglichen Lebens aufzutreten.

Die Emergenz Venedigs zeigt sich in der Vielgesichtigkeit der Stadt. Sie setzt der klaren Lesbarkeit Hindernisse entgegen. Dabei sind die Lage und Form von Straßen und Plätzen selten geplant und weisen folglich keine klare Ordnung auf. Jeder Fußgänger (Bewohner/ Tourist) muss seine eigene individuelle Lesespur suchen und lässt damit eine räumliche Gestalt entstehen. So zeigen die zahlreichen Campi einen jeweils unterschiedlichen Charakter, abhängig von Standort, Blickrichtung und Bewegungsverlauf.

Das Gewebe Venedigs ist aus vielen kleinen Inseln entstanden und besaß lange keinen zusammenhängenden Stadtraum. Noch heute bilden die einzelnen Pfarreien mit den Kirchplätzen (Campi) ein Patchwork von scheinbar willkürlich zusammengesetzten kleinen räumlichen Einheiten. Die netzartige Stadtstruktur scheint die Campi wie zufällige Aufweitungen ohne übergeordnetem Gestaltungsprinzip herauszubilden. Der wuchernde Bestand an raumbildendem Material scheint sich erst in der Bewegung durch die Straßen und Platzräume zu formen und zu verbinden.

Insgesamt erscheint Venedig aufgrund seiner sehr aktuellem Raumverständnis entgegenkommenden Eigenschaften, moderner, als man denkt. Es besitzt neben dem Markusplatz und den zahlreichen berühmten Kunstwerken ein sehr vielfältiges Repertoire an stadträumlichen Situationen. Dieses reichhaltige Spektrum erstreckt sich aber nicht nur in den verschiedenen Formeigenschaften und Konstellationen der Plätze im städtischen Raum, sondern auch im dramatischen Potential derer.
So besitzt nahezu jeder Campo Stellen mit szenischem Charakter, der eine selbstreflexive Wahrnehmung hervorruft und durch das Zusammenwirken der Platzarchitektur mit der eigenen Haltung und Bewegung die ganze Situation bemerkenswert macht.

Die Beobachtungen zur zeitgenössischen Art unseres Umgangs mit dem Raum unter Einflussnahme der Szene, Emergenz und Gewebe handeln von Vereinzelungsphänomenen. Die Bedeutsamkeit unseres Handelns wird nur durch den Wert des einzelnen ereignishaften Augenblicks, in dem wir uns autoreflexiv als Handelnde im Raum erfahren bestimmt. Dieses Ereignis wird bestimmt durch objektiv-räumliche und subjektiv-handelnde Faktoren und führt zu einem verzweigten Beziehungsgefüge ohne die Hierarchie einer großen Ordnung, in dem kleine Einheiten Bedeutung gewinnen, zusammengesetzt aus Komponenten von Raum und Handeln. Daraus folgt die Tendenz, dass aus einzelnen Situationen und dem einzelnen Element eine größere Wertschätzung gewidmet wird als dem großen Zusammenhang. So bleibt zum Schluss die Erkenntnis, dass die faszinierenden Situationen des alten Venedigs noch heute ein starkes schöpferisches Potential bereithalten.


…wer hineingeht in das Innere dieser Stadt, weiß nie, was er als nächstes sieht oder von wem er im nächsten Augenblick gesehen wird. Kaum tritt einer auf hat er die Bühne durch einen anderen Ausgang schon wieder verlassen. W.G. Sebald