Hochschulseminar - Lob der Parzelle
INTERVIEW - Zehn Fragen an Johannes N. Müller
Alke Janßen, Adam Dybczynski, Lino Egerman, Claas Galewski, Christian Böttcher, 10.02.2012

 

 Quelle: Hochschule Wismar, Fakultät Gestaltung

 

Johannes N. Müller studierte Architektur an der HdK und Stadt- und Regionalplanung an der Technischen Universität in Berlin. Er lehrt Raumplanung und Städtebau an der Hochschule Wismar. Davor war er freiberuflicher Stadtplaner sowie Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Landschaftsarchitektur.

 

 

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Hier nun meine Antworten. Gewiss, es werden keine erschöpfenden Reflexionen sein können. Trotzdem, ich hoffe, damit ein kleines Stück zu Ihren „Forschungen“ beitragen zu können.

Übrigens, apropos Wismar:

„Architektur und Baukultur. Reflexionen aus Wissenschaft und Praxis“

Ein Buch aus dem Studiengang Architektur der Hochschule Wismar. Es zeigt die Wege von 70 unserer Alumni nach dem Studium auf – sie haben in der ganzen Welt Fuß gefasst. Alle berichten Sie von der Notwendigkeit des interdisziplinären Arbeitens im Berufsalltag.

Das hat uns bewogen, auch Wissenschaftler aus anderen Disziplinen nach deren Meinung, Kritik, Forderungen zu/an Baukultur zu fragen. Erfreulich, es haben uns 45 Wissenschaftler aus 35 Disziplinen geantwortet – vertreten sind alle 16 Bundesländer.

Das Ganze, dokumentiert auf 624 Seiten, ein wunderbarer Einblick in die Chancen und Perspektiven, in die Nöte und Erfolge von Architektur und Baukultur. Zu beziehen über DOM publishers – ich möchte wetten, das Buch liegt bereits in Ihrem Regal, oder es steht auf Ihrer Liste an den Weihnachtsmann.

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So, nach so viel Eigenwerbung nun zu Ihren Fragen.

Die Auflistungen der Antworten folgen keiner Priorität. Verstehen Sie die Gedanken im Sinne eines Brainstormings.

 

1 Was bedeutet für Sie die Parzelle als Gliederungselement der Stadt?

 Parzelle –

 - sie spiegelt Stadtpolitik in ihrem historischen Zusammenhang wider,

 - sie spiegelt Antworten auf die Aneignung von Grund und Boden wider,

 - sie spiegelt Kräfteverhältnisse von Sozialinteressen und ökonomischer Macht wider,

 - sie spiegelt Haltung im Umgang mit Nachbarschaft wider,

 - sie spiegelt die ethische Verantwortung der politischen Entscheidungsträger, der öffentlichen und privaten Stadtentwickler, der Eigentümer gegenüber der Gemeinschaft der Stadtnutzer und Bewohner wider,

 - …

  

2 Welche Bedeutung hatte das Thema der Parzellenbildung in Ihrer bisherigen Arbeit?

 Parzellenbildung –

 - „das A und O“ jeglicher Stadtteilplanung, vom Kiez/Quartier über die Verbindung des Privaten zum Öffentlichen bis hin zum …,

 - sie ist, in der Stadtteilplanung innerhalb des Bestandes, d a s Leitthema für das Künftige,

 - sie dokumentiert den Respekt gegenüber dem Gestern für das Morgen,

 - sie bildet Maßstab für den öffentlichen Straßenraum,

 - sie bringt jeden Stadtplaner i. R. der Verbindlichen Bauleitplanung zum Verzweifeln – immer dann, wenn es notwendig erscheint, da und dort an einer bestehenden Parzellengrenze „zu zweifeln“, sie zu arrondieren,

 - sie bleibt immer mit dem höchsten Heiligtum innerhalb einer kapitalistischen Gesellschaft verbunden – der Unantastbarkeit des Grundeigentum,

 - sie wirkt als ein Instrumentarium, um der Stadt einen Maßstab zu geben,

 - sie bleibt, in der Stadtentwicklungsplanung „auf der grünen Wiese“, wie wir es in Berlin über viele Jahre nach der politischen Wende zu tun hatten, immer der Dreh- und Angelpunkt für die stadträumliche Entwicklung, für die Stadtgestaltung,

 - sie geht, in einer durch anonyme Investoren von Großprojekten determinierten Stadtentwicklung insofern verloren, als dass die für die Identifizierung des Stadtbewohners mit seinem Kiez notwendige Kleinteiligkeit abhandenkommt,

 - sie dient, nicht nur in der unsäglichen Einfamilienhaus-Siedlungsplanung, als Instrument zur Schaffung von differenzierten Eigentumsgrößen, bietet dadurch auch ein Lenkungsinstrumentarium zum Zugang zu Eigentum für unterschiedliche soziale und ökonomische Schichten.

 - …

 

3 Sehen Sie einen gewandelten Blick auf das Thema der Parzelle in der jüngeren Entwicklung der Stadtplanung?

 - Eindeutig JA.

 - Zwei Tendenzen zeichnen sich ab:

 a) Der Markt der Stadtentwicklung/der „Stadtverwertung“ wird zunehmend bestimmt durch anonyme Investoren die lediglich als Entwicklungsträger auftreten und keinerlei Bezug/Interesse/gesellschaftliche Verantwortung zu Ort und Mensch, zu Geschichte und Identität, zu Bauen als Kultur haben. Dabei wird die Parzelle immer größer, entgleitet dem Maßstab des Stadtnutzers, des Stadtbewohners.

 b) Die Interessengruppen von persönlich verantwortlichen privaten Bauherren/ Baugemeinschaften wachsen. Dadurch verdichten sich die Nachfragen nach kleinen/bezahlbaren Parzellen. Die positiven Aspekte dieser Entwicklung haben mittlerweile auch die Kommunen erkannt und entwickeln dazu Modelle zur Vergabe öffentlicher Grundstücke. Dabei spielt Sozialkompetenz, Nutzungsmischung, Nachbarschaftshilfe u. a.m. zunehmend eine tragende Rolle.

 - Mit Blick auf den demografischen Wandel, der zunehmend prekären Situation der Pflegeversorgung, der Auflösung von Familienverbänden, der fehlenden familieninternen generationenübergreifenden Nachbarschaftshilfe aufgrund der beruflichen Mobilität, der gebotenen Selbsthilfe innerhalb überschaubarer Sozialverbünde u. a. m. kommt dem gebäudezugeordneten Freiraum als nutzbarem Lebensraum eine immer größere Bedeutung zu.

 - Die Parzelle als Ort des Innehaltens, des Wohnens mit einem Freiraum für sozialen Austausch, für körperliche Aktivitäten, für das Wahrnehmen und das „Begreifen“ im wörtlichen Sinne von Boden, Wasser, Klima, Luft wird elementar für die Psyche des Menschen im städtischen Alltag.

 - …

  

4 Welche Bedeutung hat das Thema der Parzelle für die zukünftige Stadtentwicklung?

 - In der Stadt als primär ökonomisches Konstrukt wurde/wird der Parzelle keine Bedeutung beigemessen. Die Folgen sind spürbar – Soziale Segregation, Vandalismus, fehlende Selbstverantwortung, gravierende Steigerungen der kommunalen Folgekosten, …

 - Die Lehren aus der Realität einer auf Profitmaximierung basierten Stadtentwicklung sind in der Gesellschaft und in der Politik angekommen. Steuerungsmaßnahmen sind aktuelle Themen in jeder kommunalpolitischen Diskussion, Modelle der Baugemeinschaften, der Ökosiedlungsentwicklung, der autofreien Siedlung u. a. m. sind Zeichen einer künftigen Stadtentwicklung die das Thema der Parzelle ganz neu in den Fokus rücken.

 - …

  

5 Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen partizipativen Elementen und dem Thema der Parzelle?

 - Auf diese Frage erfolgten bereits oben Antworten.

 - Wenn Partizipation die Teilhabe, die Teilnahme „des kleinen Mannes“ an der Stadt meint, dann gelingt das nur, wenn u. a. „eine Politik der kleinen Parzelle“ verfolgt wird.

 - Partizipation an der Stadt kann nur gelingen, wenn der einzelne Stadtbewohner auch ein Stück Verantwortung für die Stadt „bekommt“. Verantwortung für die Stadt bedeutet, ein Stück in und mit der Stadt „verwachsen zu sein“. Ein Slogan könnte lauten:

    „Die Stadt gehört uns allen – wir alle sind die Stadt.“

    oder:

    „Mensch formt Stadt – Stadt formt Mensch“

 - …

 

6 Welchen Stellenwert hat das Prozesshafte für Sie in der Architektur und gibt es einen Zusammenhang mit der Eigentumsstruktur?

 - Auf diese Frage erfolgten bereits oben Antworten.

 - Oh je, sie Stellen Fragen, die sind auch in einer Stunde nicht zu beantworten.

 - Den Zusammenhang des Prozesshaften und des Eigentumsrechtlichen verdeutlicht vielleicht die Einkaufsmall am deutlichsten. Alle 12 bis 15 Jahre beginnt „das Prozesshafte“ von vorne. Recherchieren Sie die Entwicklung z. B. am Potsdamer Platz – die Potenzierung der Beschleunigung ist sagenhaft. Förder-, Abschreibungs- und Steuersparmodelle bestimmen die Prozesse – Sozialfolgen, Bau-Kulturverfall, Anonymisierung und … trägt die Gesellschaft. Anonyme Eigentümer haben keinerlei Bezug zur Architektur als gesamtgesellschaftliches Gut, Architektur ist Ware zur Kapitalakkumulierung.

 - Maßstab für das vertretbar Prozesshafte in der Architektur kann m. E. nur der Ressourcenverbrauch, die Sozialverträglichkeit, die ökologische Eingriffsminimierung sein. Mittel- und langfristig ist damit immer auch eine ökonomische Verträglichkeit gesichert. Diese Strategie jedoch ist unverträglich mit anonymen Stadtentwicklern, Eigentümern, deren Ziel die kurzfristige Ökonomie ist.

 - …

 

 7 Hat das Thema ‚Selbstbildungsprozess‘ in der Stadt eine Relevanz zur Architektur und zum Städtebau?

 - Eindeutig JA.

 - Auf diese Frage erfolgten bereits oben Antworten.

 - Selbst-Bildungsprozess kann nur aus einem Selbst-Bindungsprozess heraus wachsen. Selbst-Bildung setzt eigenes Tun voraus. Die Kraft dazu kann nur der mobilisieren, dem ein bestimmter Tatbestand, ein Erscheinungsbild, eine Vision „am Herzen liegt“.

 - Die Relevanz der Selbst-Bildung gegenüber Architektur und Stadt liegt darin, dass dadurch Verantwortung sowohl gegenüber dem Dinglichen als auch dem Menschlichen wächst, sowohl gegenüber dem privaten wie auch dem öffentlichen Umfeld. Verantwortung wird getragen von Achtsamkeit, Sorgfalt, Wertschätzung. Diese „Sittlichkeiten“ schließen Gleichgültigkeit aus. Stadt und Architektur müssen Selbst-Bildung zulassen, sie ist Voraussetzung für ein „Ankommen“, ein „Behausen“. Balkone, Gärten, Höfe, Vorgärten, Eingangsbereiche u. a. m. sind Spiegel der Selbst-Bildung, der Identifikation – ermöglicht dank fehlender verordneter stadtplanerischer Eingriffe/Regulierungen.

 - …

  

8 Was bedeutet Ihnen das Thema ‚Variabilität‘ und ‚Nische‘ für die Bewertung von alter und neuer Stadt?

 - Verflixt, mir rennt die Zeit davon – ich beneide Sie um die Ihnen vergönnte Zeit des Reflektierens. Das erscheint mir für Ihre künftige Praxis genauso wichtig wie das Pläne schruppen/das Erstellen von nur zu oft realitätsentfernten, effekterhaschenden Renderings.

  

- Die ganze Stadt hat ein variables System zu sein, ein Vielfaches an Nischen zu bilden.

    Die alte Stadt – ein Segen, sie bietet uns das in Hülle und Fülle.

    Die neue Stadt – ein Übel, sie darf kaum altern, sie lässt keine Schmuddelecken zu, sie wird zunehmend ihrer Öffentlichkeit beraubt, sie ist kontrolliert.

 - Ganz im Gegensatz „zur aufgeräumten Stadt“ stehen die Anforderungen aus der Welt des temporären Arbeitsplatzes, der (erzwungenen) Mobilität, der Nutzungsänderung, des interkulturellen Anspruchs an Haus und Wohnung wie auch an öffentliche Freiräume. Die globalisierte Welt des Arbeitens, Wohnens, Freizeitens, Kulturens fordert Raum für Unvorhergesehenes, Spontanes, Zufälliges, für Rückzug und Teilhabe – und zwar im Öffentlichen wie im Privaten.

 - …

  

9 Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen den ökonomischen Bedingungen der Stadtentwicklung und dem Thema: Parzelle?

 - Auf diese Frage erfolgten bereits oben Antworten.

  

10 Gibt es einen Ort, wo für Sie der Wert einer parzellierten Struktur am deutlichsten wird?

 - JA. Ein Beispiel?

 - Gehen Sie in meine Heimat, ins Tessin oder ins Engadin. Dicht an dicht stehen die Häuser, schmal sind die öffentlichen Durchwegungen, z. T. minimal dimensioniert die Plätze, das Hinten (Private) und das Vorne (Öffentliche) ist klar ablesbar, die Verantwortung für Haus und Freiraum ist an Menschen gebunden – denen auch die Parzelle gehört.

 ENDE __________________________________________________________________________

 

Sie geschätzten jungen Geister,

sehen Sie es mir nach, die Antworten sind Momentaufnahmen, nicht erschöpfend, mögen konstruktive Verwirrung stiften, mögen zu Widerspruch auffordern, mögen zu eigenen Positionen ermutigen.

Ein Kompliment an ihren Professor für seine exzellente Aufgabenstellung!

Vergessen Sie nicht meinen eingangs geäußerten Wunsch.

Mit besten Wünschen, viel Kreativität und Kraft für Zwiegespräche,

Ihr

Johannes N. Müller _ Wismar, 2011_12_13