Hochschulseminar – Wer hat Angst vor dem Zufall?
Themenstellung
Prof. Klaus Schäfer, Hochschule Bremen,, Wintersemester 2017/18
In diesem Seminar untersuchen wir die Grenzen der Planung. Ein Wesen der Planung ist das Ordnende und Vorausschauende. Aus ästhetischer und aus struktureller Sicht kann das Ordnende zum lebensfernen Korsett werden. Als Planer können wir uns für informelle Siedlung begeistern, doch wie lässt sich so etwas Planen und wo sind hier sinnvolle Grenzen. Komposition kann vom Zufall beeinflusst sein und gerne wird die Stadt mit einem Palimpsest* verglichen, aus ihrem Reiz an Überlagerung, Patina und scheinbar gewachsener Struktur. Doch Veränderung muss auch ermöglicht werden.

„Staatliche Planung und selbstständiger Gestaltungswille. – Stadtplanung und informelle Struktur.“
Foto: Daniel Schwartz, City Singles #6, 2017 Quelle: Homepage: http://www.danielschwartz.co

Planung aus der Perspektive der Architektur und der Stadtplanung versteht sich aus seiner Definition her als ordnende Profession. Die dazu notwendigen kulturellen Grundlagen sind einmal die gesellschaftlich-politischen, die ökonomisch-ökologischen und die einer ästhetischen Natur. Planend zu handeln heißt hier immer auch einer Theorie zu folgen, als Grundlage des eigenen Tuns. Aus der Theorie ergeben sich die Ordnungsmuster für die Planung.
Der Planung geht eine Analyse voraus, deren Aufgabe es ist, komplexe Zusammenhänge zu entwirren, einzelnen Gegebenheiten herauszugreifen und damit lesbar zu machen. Schon hier stellt sich die Frage, ob das was als Ergebnis einer Planung umgesetzt wird, ebenfalls Komplexität erzeugt oder im Layer einer analysegerechten Betrachtung – einer Laborsituation – haften bleibt. Somit tun sich Welten auf zwischen den Ursprüngen einer Planung (Problemstellung und Ort des Problems) und den möglichen Ergebnissen.

Offizielles Ziel der Stadtplanung ist, ein zur gesellschaftlichen Konfliktvermeidung sich eignendes bauliches Arrangement herzustellen, doch das Wesen der Stadt ist es, den kulturellen Konflikt auf zivile Weise zu verhandeln, d.h. Gegensätze zu zulassen und nicht zu verdrängen.
Die Ästhetik eines als Gesamtkunstwerk betrachteten architektonischen Entwurfs für ein Haus kann durchaus eine sehr einschränkende Wirkung auf die Lebensqualität im und mit dem neuen Gebäude haben. So kann sich auch die Planung durch ihre guten Absichten selbst im Wege stehen.
Umgekehrt geht von Improvisation in der Architektur ein hoher Reiz aus, ebenso wie der ‚informelle Charakter‘ einer Ansiedlung mitunter mehr Urbanität zur Folge hat, als es einer in sich abgesicherten (Stadt-)Planung für eine Siedlung in ihrer Entwicklung möglich erscheint. Das Improvisierte und die Möglichkeit zur Selbstbildung, im Sinne eigenständiger – ja selbständiger – Veränderung gilt allgemein als eine lebensnahe Qualität von Architektur und Stadt. Will die Planung hierzu befähigen, muss sie die Grenzen der eigenen Entfaltung abwägen.
Das hier angerissene Dilemma einer Planung zwischen festgefügter Ordnung, einer beabsichtigten Variabilität und dem, was nur Ergebnis einer Fortentwicklung und Überlagerung sein kann, wird in der Architektur gerne überspielt. Offene Prozesse werden als Kompositionen simuliert, deren Kriterien oftmals beliebig erscheinen.
So steht das Planen mitunter gegen das Zulassen. Öffentlicher Raum und privater Raum werden hier als Antagonisten oder im Zusammenspiel entwickelt. Wir werden den architektonischen, stadtplanerischen aber auch kulturellen Facetten dieses Widerspruchs im Rahmen unseres Seminars nachgehen.

Text: „ARCHITEKTUR IST EINE WILDE MISCHUNG AUS OMNIPOTENZ UND IMPOTENZ.“
„ARCHITEKTUR IST PER DEFINITIONEM EIN CHAOTISCHES ABENTEUER.“
Dellbrügge & de Moll. Ohne Titel (1997), Quelle Ausstellungskatalog: Wittgenstein in New York – Stadt und Architektur in der neueren Kunst auf Papier, Ausstellung und Publikation: Andreas Schalhorn. DuMont (2005)

*Eine Schreibfläche (z.B. Papyrus, Leder), deren Schrift ausgelöscht wurde, um sie für einen neuen Text zu nutzen.

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