Hochschulseminar – Wer hat Angst vor dem Zufall?
László F. Földényi, Orte des lebendigen Todes
Denise Schneider, Jessica Siegmann, 25.01.2018

Coincidence is determined by a liberal architecture, organic shapes, and is mostly of the current epoch dependent. A coincidental architecture is often described as "live".
A controlled architecture is usually straight and strict. Often it stands out due to a repeating character and is often timeless. It is often described as lifeless or dead.
Many architects strive for a controlled architecture. Everything must be straight and same. Nothing is left to chance. However if everything was planned too strictly, these main bodies radiate no more liveliness. The striving for control therefore is in the direct conflict with chance. What we strive for often isn't the same which we want as a result.
Right and wrong do not exist in this conflict. Everybody feels another degree of coincidental and controlledly as right. But this conflict is omnipresent.

   

László F. Földényi

• 19. April 1952 in Debrecen
• ungarischer Essayist, Kunsttheoretiker, Literaturkritiker und Übersetzer
• studierte bis 1975 Hungarologie und Anglistik in Budapest
• arbeitete zunächst als Zeitschriftenredakteur und Dramaturg an verschiedenen Theatern
• seit 1991 Dozent am Institut für Vergleichende Literaturwissenschaften an der Loránd-Eötvös-Universität in Budapest
• zählt zu den bedeutendsten Intellektuellen seines Heimatlandes

Architektonische Vedute
1490 erschuf Francesco di Giorgio Martini das Gemälde „Architektonische Vedute“.
In dem Buch „Orte des lebendigen Todes“ von László F. Földényi wird dieses Gemälde beschrieben, dass es unzerstörbar wirkt, unverderblich und steril aus Stein und Marmor. Es steht beschrieben: „Alles ist derart makellos geordnet, dass man den Eindruck hat, als wäre diese Stadt nicht von Menschen errichtet, sondern von Gott eigens für diesen Ort entworfen worden.“
Es soll zwei Arten von Staat geben. Einmal den Erdenstaat, der durcheinander wirkt und auf der anderen Seite den Gottstaat, der perfekt geplant wirkt.
Durch die Abwesenheit von Menschen und Natur wird die Wirkung von Zeitlosigkeit verdeutlicht. Die Menschen könnten schon längst ausgestorben sein und mit dem Aussterben der Menschen hat auch die Zeit aufgehört zu sein.




Botticelli – Porträt 

In der Berliner Gemälde Galerie soll die Architektonische Vedute zwischen zwei Gemälden hängen. Diese Konstellation soll allen Gemälden mehr Ausdruck verleihen und die Wirkungen unterstreichen.
Links der Vedute hängt ein Gemälde von Giuliano Medicis, der am 26.04.1478 verstarb. Giuliano war Simonetta geliebter, der zwei Jahre nach Simonetta’s Tod ermordet wurde. Seine Augen sind geschlossen.
Rechts der Vedute das Gemälde der Simonetta Vespucci, die am 26.04.1476 verstarb. Sie galt als die schönste Frau ihrer Zeit. Simonetta verstarb schon mit jungen 23 Jahren. Ihr Blick wirkt ausdruckslos, das Haar zerrüttet, als hätte sie eine Vorahnung von ihrem baldigen Tod.
Die Blicke von Giuliano und Simonetta, die vom Tod berichten, treffen sich auf der Vedute.


Idealstadt
Der Heilige Augustinus war der Ansicht, es gäbe zwei Arten von Stadt. Die Himmlische Stadt, die geordnet und steril erscheint, und die Menschliche Stadt, die unordentlich und zufällig wirkt. Als Beispiel wird Atlantis genannt. Atlantis ist eine Idealstadt und wirkt vollkommen.
Nach dem so genannten Hippodamischen Schema von Hippodamos (5.Jhd. v. Chr., Stadtplaner) wurden Straßen einer Stadt erstmalig orthogonal angelegt und gleichgroße quadratische Grundstücke geschaffen. Man strebt nach gleicher Verteilung (Isonomie).Man möchte Lebensräume mit einem zuvor erdachten Plan in Einklang bringen.

Utopie
Giorgio Martini malte eine Utopie. In dem Buch Orte des lebendigen Todes von László F. Földényi steht geschrieben, dass die Melancholie des Bildes mit einer Abwehrhaltung einher geht. Eine Jenseits Stadt, die regungslos, leer, tot erscheint.
Giorgio Martini malte, was er in seiner Gegenwart vermisst, korrigiert, was er in der Gegenwart als schlecht erachtet und versucht das „Durcheinander“ des Lebens durch „Ordnung“ zu ersetzen. Er erschafft eine Zukunft, die es nicht gibt. Er drückt Gefühle aus, die sich auf die Wirklichkeit beziehen ohne sie anzusprechen.

Konzentrationslager für die Organisation des Lebens


1958 wurde das Konzentrationslager für die Organisation des Lebens nahe Mourenx unweit der Pyrenäen (Südfrankreich) von René Andrè Coulon, Philippe Douillet und Jean Maneval erbaut.
Es entstand ein Stadtviertel für 12.000 Menschen. Die Arbeiter fanden Platz in den Wohnblöcken. Die Aufseher erhielten ihre Räumlichkeiten in den Türmen und die Leiter in den Villen. Ziel war es alles zu kontrollieren. Die Regulierung des Lebens. Man wollte alle unberechenbaren Elemente ausschalten.
Beschrieben wird dieses Stadtviertel als Militärgebäude, eine Vergewaltigung des Lebens und als eine Ideale Stadt die Leblos ist.

Pyramiden
Pyramiden erscheinen als ungeheuere Kristalle, deren Inneres verborgen ist. Sie stehen außerhalb der Zeit. Einst Block beschrieb diese als „Todes Kristalle“. Sie stehen da als steingewordene Machtvorstellungen.

Nekropolis
Zusätzlich spricht der Autor die Nekropolis an. Auch als „Halle des Todes“ bezeichnet.
Dies ist der Wunsch nach der architektonischen Verwendung der Kugel.
Besonders ausgearbeitet wurde dieser Wunsch von Josef Gerl, der den Narrenturm in Wien im Jahre 1784 entworfen hat. Ausführung übernahm Isidor Canevale. Wichtig für den fünfstöckigen und kreisrunden Bau war die vollständige Überwachung der Kranken, welches mit dieser Form besonders gut möglich war.

 

Panoptikum
Beeinflusst von dieser Art der Überwachung wurde fünf Jahre später das Panoptikum von Jeremy Bentham entworfen, welches als perfekt ausgedachtes Gefängnis und Zuchthaus bezeichnet wird.
Niemand sollte sich in diesem, ebenfalls kreisrunden Gebäude der zentralen Überwachung entziehen können: Die Aufenthaltsräume der Inhaftierten waren im Kreisumfang des Gebäudes untergebracht, während der Aufseher im Zentrum alles im Blick hatte.


Es sollte eine völlige Transparenz in den Gebäuden herrschen, sei es nun die Gefängnisse, Nervenheilanstalten, Schulen oder auch Krankenhäuser. Immer befindet sich der Aufseher im Zentrum, um einen perfekten Überblick zu haben. Sehen ohne selbst gesehen zu werden.
Die Gebäude sollten daher nach dem Prinzip der göttlichen Allsicht angelegt werden. Denn das Ziel war eigentlich ein positives: die vollständige Anerkennung der Rechte des Individuums. Begründet war diese Aussage, weil die Inhaftierten durch diese Allsicht geschützt werden sollte. Da der Aufseher in jeden Winkel der Zelle sehen konnte, konnten die Wärter, ob aus Frust oder Langeweile, den Gefangenen keinen Schaden zufügen – was zur damaligen Zeit nicht unüblich war.



Auch wurde ein neues Netz von Rohren in den Gefängnissen entwickelt. Diese dienten dazu, alles in dem Gebäude hören zu können. Jedoch sollten so ebenfalls die zentralen Anweisungen besser und schneller übermitteln können.
Man wollte die Entfernung von Mensch zu Mensch überwinden. Das Panoptikum galt als Symbol neuzeitlicher Machtstrukturen.
Der Kunsthistoriker Christian Welzbacher wird zu diesem Thema in dem Buch kurz zitiert: „Die Revolutionsarchitekten richten sich nach dem Denken des absoluten Absolutismus, wogegen das Panoptikum ein Produkt der Aufklärung sei, das ermögliche, den Gefangenen als Individuum zu erkennen“.
Allerdings hat der Autor in der heutigen Zeit seine eigene Meinung: „Das ultimative Ziel besteht nicht darin, dass der Gefängniswärter die Gefangenen wirkungsvoll überwachen kann, sondern dass diese sich der Gefangenschaft auch ohne Wärter gehorsam, freiwillig fügen“.



Übertreibt man die Form des Panoptikums, nämlich indem man das System soweit vergrößert, dass kleinere Panoptikums an das große angrenzen, erhält man den Grundriss des Millbank Gefängnisses. So werden selbst die Aufseher, die in den äußeren Bereichen überwachen, vom Zentrum selbst überwacht. „Da [sie] […] de[m] Blick der obersten Autorität oder gar der höchsten Macht selbst […] ständig ausgesetzt sind, werden alle Aufseher und alle an der Institution Beteiligten, um keinen schlechten Eindruck zu erwecken, sich gezwungen sehen, ihre Tätigkeit in höchster Perfektion auszuüben.“
Überwachung, und zwar weniger des Körpers als vielmehr der Seele.
Denn jedes gute Anlegen kann schnell in das Gegenteil umschlagen. Wie elterliche Fürsorge: erst ist es reine Überwachung und schließlich echter Psychoterror.

Roter Turm
Weiter spricht Földényi das Gemälde „Roter Turm“ an, was 1913 von Giorgio de Chirico gemalt wurde. Dieser ähnelt außerordentlich dem Narrenturm in Wien.
So sei der seltsame, nichtmenschliche Charakter des Gebäudes klar erkennbar. Der Zustand auf dem Gemälde habe keine Vorgeschichte, keine Vergangenheit aber keine Zukunft. Alles wirke zeitlos. Wie etwas, das nicht geschaffen sei, sondern ewig ist.

Abschließendes Resümee
In dem Buch wird eine klare Darstellung von der Ansicht des Autor dargestellt. Der Architektur stehen zwei Grundsätze gegenüber:
Der Zufall. Dieser birgt die freie Architektur mit seinen organischen Formen. Sie ist lebendig und meist von der aktuellen Epoche abhängig,
Die Kontrolle. Dieses zeigt meist einen wiederholenden, zeitlosen Charakter und ist geradlinig und strikt. Die Architektur ist nichts neues, sodass der Betrachter das Gefühl hat, es woanders bereits gesehen zu haben. Durch seine Trostlosigkeit wird sie meist mit dem Tod in Verbindung gesetzt.


Quellen
• Titelbild: https://buch-findr.de/media/orte-des-lebendigen-todes_9783957573971.jpg
• László F. Földényi: http://szfe.hu/wp-content/uploads/2014/06/Foldenyi-Laszlo_EDV_7787a.jpg
• Architektonische Vedute: https://www.akg-images.de/Docs/AKG/Media/TR3_WATERMARKED/0/2/6/7/AKG1799914.jpg
• Botticelli Porträt- Gialino Medicis: https://artblart.files.wordpress.com/2011/11/botticelli_giuliano.jpg
• Botticelli Porträt- Simonetta Vespuccis: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sandro_Botticelli_066.jpg
• Mourunex: https://i.pinimg.com/600x315/fb/cf/06/fbcf067aa40aeac0048e6197bc05d830.jpg
• Narrenturm: http://der-schwarze-planet.de/wordpress/wp-content/uploads/2015/09/narrenturm-wien.jpg
• Narrenturm: https://narrenturmaufbruch.files.wordpress.com/2012/06/narrenturm-plan.png
• Panoptikum Grundriss: http://1.bp.blogspot.com/-uVARl9zO8Oo/UfArlYZG-EI/AAAAAAAAC9g/KQFh4HaQe-E/s1600/panopticonbldg.jpg
• Gefängnis TodSeelie: https://www.exolymph.news/wp-content/uploads/2017/01/13048344414_7ea489c2de_k.jpg
• Millbank Gefängnis Grundriss: http://www.disphotic.com/wp-content/uploads/2015/04/Millbank_Prison_Plan.jpg