Hochschulseminar – Wer hat Angst vor dem Zufall?
Making Heimat – Beitrag der Architekturbiennale Venedig 2016
Alice Taute, Fee Kreuzgrabe, 26.02.2018

"Making Heimat" was the German contribution to the Architecture Biennale in Venice 2016. The contribution is based on three pillars: The refugee buildings, which were the response of architects to the high demand for housing, the open pavilion, symbolic of "Germany as an open house "and the theses of the book" Arrival City "by Doug Saunders. This book outlines the basic requirements for a functioning "City of Arrival". The idea of ​​the contribution was created in autumn 2015 due to the high immigration of refugees. A positive example is the city of Offenbach, which can offer migrants exactly the informal structures that make their arrival easier.



In der Zeit vom 28. Mai 2016 bis 27. November 2016 fand die 15. Architektur-Biennale in Venedig statt. Unter dem Motto „Reporting from the front“ zeigten 88 Teilnehmer aus 37 Ländern ihre Arbeiten. Der chilenische Architekt Alejandro Aravena zeigte in der Vergangenheit großes Engagement für soziales und kostengünstiges Bauen und war der Kurator der Biennale.

Der deutsche Beitrag „Making Heimat. Germay, Arrival Country“ wurde von Oliver Elsner vom Deutschen Architektur Museum kuratiert. Verantwortlich für die Ausstellung war das Berliner Architekturbüro „Something Fantastic“, das vier größere Öffnungen in den 1938 von den Nationalsozialisten umgebauten Pavillon schlug. Der Pavillon sollte Deutschland als „offenes Haus“ symbolisieren. Das Konzept griff Fragen, Initiativen und Diskussionen auf, die derzeit bei Themen wie Bauen und Wohnen in Deutschland einschließlich der Integration von Migranten eine wichtige Rolle spielen.
Die Idee des Beitrags entstand in den turbulenten Wochen und Monaten im Herbst 2015, als täglich tausende Geflüchtete an den Bahnhöfen ankamen und Kanzlerin Angela Merkel eisern an der „keine-Obergrenze“ festhielt. Nach Ende der Biennale wurden die Öffnungen wieder zugemauert und der Pavillon steht wieder neu verputzt zur Verfügung.


Reporting from the Front
Der chilenische Architekt Alejandro Aravena ist der künstlerische Leiter der Architektur-Biennale 2016, welche „eine neue Perspektive bieten“ sollte. Größerem Publikum sollte das Schaffen von Leuten vermittelt werden, die den Horizont nach neuen Aktionsfeldern absuchen und sich dabei mit Themen wie Segregation, Ungleichheit, Peripherie , Zugang zu sanitären Einrichtungen, Naturkatastrophen, Wohnungsnot, Migration, Verbrechen, Verkehr, Abfall, Umweltverschmutzung und Beteiligung von Gemeinschaften beschäftigen. Gleichzeitig sollte eine Synthese verschiedener Dimensionen gezeigt werden – Pragmatismus mit Existenziellem, dem Angemessenem und dem Wagemut, Kreativität und Common Sense. Während der gesamten Dauer gab es ein Programm von Gesprächen und Treffen begleitet um Themen und Phänomene der Projekte zu diskutieren.


Der deutsche Beitrag basiert auf drei Säulen:
1.) Die Datenbank der Flüchtlingsbauten
2.) Der „offene“ Pavillon
3.) 8 Leitsätze zur „Arrival City“

Flüchtlingsunterkünfte
Seit der Flüchtlingskriese 2015 sind mehr als 900.000 Geflüchtete in Deutschland aufgenommen worden. Davon leben weiterhin fast 300.000 Menschen in Erstaufnahmeeinrichtungen und Gemeinschaftsunterkünften. Dadurch wurde es immer wichtiger die Bemühungen angemessene und nachhaltige Unterkünfte von Architekten, Stadtplanern, Kommunen und Bundesländern, Baufirmen und Freiwilligen zu realisieren. Das DAM hat seit Oktober 2015 realisierte bzw. in der Realisierung befindende Bauten für Flüchtlinge und Migranten gesammelt.





Die Arrival City
Doug Saunders, Autor des Buches „Arrival City, Endlich Angekommen“,  befasste sich damit, welche architektonischen und städtebaulichen Bedingungen in Arrival Cities gegeben sein müssen, damit sich Einwanderer in Deutschland integrieren können. Ebenso beschreibt er, warum Menschen überall auf der Welt vom Land in die Städte ziehen und dabei den Sprung in die Mittelschicht schaffen. Für diese Erkenntnisse besuchte Saunders weltweit Arrival Cities. Die Beobachtungen stützen sich auf seine Besuche in Slums und Favelas und stellt fest: „wir werden gegen Ende dieses Jahrhunderts eine ganz und gar urbane Spezies sein“ . Diese Viertel sind und bleiben arm dran, haben aber eine hohe Fluktrationsrate. Die Mieten sind günstig, die Ankömmlinge haben Zugang zu Arbeitsplätzen und ein kulturelles, ethnisches Netzwerk, das Ankommende aufnimmt und sozialen Aufstieg ermöglicht. Saunders verfolgt im Buch die These, dass die chaotisch-anarchischen Barrios, Favelas und Slums keine Orte der sozialen Ausgrenzung und Verelendung sind, sondern Durchlauferhitzer des sozialen Aufstiegs und Hotspots urbaner Innovationen. Lange Zeit versuchten Staatschefs und Politiker den Zuzug in Ballungsgebiete zu stoppen. Doch 2009 kam Weltbank dahinter, dass Verdichtung der Menschheit in Städten der Wirksamste Weg ist, Armut zu bekämpfen, Welternährungsprobleme zu lösen und Klimawandel zu kontrollieren. Saunders zeigt in seinem Buch ebenfalls, dass Bewegungsmuster von Zuzug, Pendelbewegung und Aufstieg universell funktionieren, ob in Dhaka, Caracas, Mumbai oder Los Angeles. Dabei bilden Junge Erwachsene familiäre Vorhut und können sich an Ankunftsort auf aus Heimat mitgebrachte Support-Netzwerke stützen. Er beschreibt, dass „Ankunftsstädte Orte des generationsbedingten Bedürfnisaufschubs sind, in denen ganze Lebensläufe unter schrecklichen Bedingungen geopfert werden, um einem Kind bessere Chancen zu eröffnen“. Dennoch müssen laut Saunders optimale Bedingungen geschaffen werden. Existenzgründung und Kleinunternehmertum müssen gefördert und Perspektiven auf Immobilienbesitz eröffnen werden. Als Ideal beschreibt Saunders in seinem Buch, dass Ankunftsstädte zu „funktionierenden Integrationsmaschinen“ und einem „Schlüsselmechanismus für die Regeneration der Stadt“ werden müssen. Als ein gelungenes Beispiel führt er das Londoner Eastend an, das heute ein beliebtes Wohnviertel der Mittelschicht ist. Als ein negatives Beispiel erwähnt er Shezhen in China, die zu ihrer Hochzeit 14 Millionen Einwohner vermeldeten. Seit Jahren wird Stadt verlassen, weil es keine familiäre Perspektive gibt, und keine hohen Löhne. Die Stadt reagierte. Doch selbst Lohnerhöhung brachte die Menschen nicht zurück. Was fehlt ist ein kleines Stückchen Slum, das ein Arbeiter sein Eigen nennen kann, ein Backsteinhäuschen errichten und die Familie nachholen kann. Darum sind für Saunders „Arrival Cities“ der „neue Mittelpunkt der Welt“.

Daraus entwickelte er folgende Thesen:

Die 8 Thesen

  • Die Arrival City ist eine Stadt in der Stadt

„Einwanderer suchen ihre Chancen in städtischer Dichte“

  • Die Arrival City ist bezahlbar

„Günstige Mieten sind eine Voraussetzung für die Attraktivität einer Stadt“

  • Die Arrival City ist gut erreichbar und bietet Arbeit

„Arbeitsplätze entstehen dort, wo es bereits Arbeitsplätze gibt. Ein gutes öffentliches Verkehrsnetz ist unverzichtbar“

  • Die Arrival City ist informell

„Die Tolerierung nicht gänzlich rechtskonformer Praktiken kann sinnvoll sein „

  • Die Arrival City ist selbstgebaut

„Selbsthilfe beim Bau von Wohnraum wäre nötig und darf nicht durch zu hohe Anforderungen verhindert werden“

  • Die Arrival City ist im Erdgeschoss

„Ob kleinteilige Geschäftsräume im Erdgeschoss verfügbar sind, bestimmt die Qualität des öffentlichen Raumes“

  • Die Arrival City ist ein Netzwerk von Einwanderen

„Keine Angst vor ethnisch homogenen Vierteln: Sie ermöglichen Netzwerke“

  • Die Arrival City braucht die besten Schulen

„Die besten Schulen sollten in den schlechtesten Vierteln sein, um die Kinder zu qualifizieren

 
Offenbach is almost allright

Die Stadt Offenbach hat eine lange Tradition der Immigration. Sie gilt als „Ankunftsbezirk“, lange Zeit als schmutzige Schwester von Frankfurt am Main, einer globalen Metropolregion mit einem hohen Migrationsanteil. Die Stadt mit schlechten Ruf und negativen Kennzahlen. Viele Ausländer, rund 60 Prozent der Bewohner haben einen Migrationshintergrund, eine hohe Kriminalitätsrate - das sind nur einige Attribute, die der Stadt zugeschrieben werden. Urbanist Prof. Kai Vöckler, der gemeinsam mit Dr. Matthias Schulze-Böing, Leiter des Amtes für Arbeitsförderung, Statistik und Integration, die Präsentation Offenbachs inhaltlich mit aufbereitet hat, sagt, dass Offenbach alles andere als ein Ghetto sei. Keine Ethnie stelle mehr als 40 Prozent und 20 Prozent der Ausländer würden Abitur machen. Auch was die Kriminalität angeht, bewege sich die Stadt im Mittelfeld und habe sogar bundesweit die fünfhöchste Aufklärungsquote. Hinzu kommt: Differenzen zwischen den Ethnien und Milieus gibt es kaum, denn letztlich ist Deutsch die gemeinsame Verkehrssprache. Das erleichtert die Integration und das Zusammenleben. Außerdem: Verglichen mit Frankfurt ist das Leben in Offenbach (noch) vergleichsweise günstig. Auch die zentrale Lage gilt laut Vöckler als Pluspunkt. Neben günstigem Wohnraum und guten Schulen spielen auch die Netzwerke eine entscheidende Rolle, da meist jemand aus dem vertrauten Umfeld schon da sei.

Das heutige Mathildenviertel ist als ehemaliges Arbeiterviertel im Osten der Stadt beispielhaft für diese Entwicklung, deshalb haben die Ausstellungsmacher den Block in seiner heutigen Struktur modellhaft installiert. Wer möchte, kann den Blick schweifen lassen, Hinterhöfe und Straßenzüge rund um die Hermann-Steinhäuser-Straße genauer inspizieren und unterschiedliche Nutzungsformen entdecken. „Wenn jemand in Deutschland bleiben will, so wie ich, dann muss er selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen.“ Dass er so schnell Fuß fassen konnte, liegt auch an den Voraussetzungen, die es in Offenbach gibt, eben günstigeren Mieten und, wie in seinem Fall, kleinteiligen Geschäftsräumen. „Hier“, erklärt Cachola-Schmal, „finden sich alle Thesen von Sanders bestätigt: Offenbach bietet Migranten genau die informellen Strukturen, die ihnen das Ankommen ermöglichen. Sie finden Netzwerke und die baulichen Voraussetzungen, um schnell Fuß zu fassen.“



Mögliche Konflikte bei diesem Thema

> Entstehung von Parallelgesellschaften / Segregation
> Verlust der deutschen Sprache
> Vermögen meist in den Herkunftsländern
> Verdrängungsvorgang
> Zu starker planerischer Eingriff 




Quellen

Bild 1: 
http://www.elledecor.it/var/elleit/storage/images/architecture-biennale/venice-biennale-2017-what-to-see-in-the-central-pavilion/venice-biennale-2017-what-to-see-central-pa- vilion/16033610-1-ita-IT/venice-biennale-2017-what-to-see-central-pavilion_oggetto_editoriale_800x600.jpg 
Bild 2: 
http://www.makingheimat.de/#home 
Bild 3:
https://archleague.org/event/alejandro-aravena-2/
Bild 4: 
https://img.abendblatt.de/img/stormarn/crop206735265/4812606503-w820-cv16_9-q85/dpa-picture-alliance-53983026-highres-ca52cd0f-f23b-4668-8f75-7136698f29b7.jpg 
Bild 5: 
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Bild 6:
https://www.offenbach.de/medien/img/of/bilder_architektur/bilder_stadtteile/
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Bild 7:
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path/s039f499da69564bf/image/ibc58956df7d12ad1/version/1488871208/image.jpg 


http://www.makingheimat.de
https://universes.art/de/biennale-venedig/2016-architecture/
http://www.zeit.de/2016/23/architektur-biennale-venedig-deutsche-pavillon-oliver-elser
http://www.baunetz.de/biennale/2016/index.html http://www.hfg-offenbach.de/de/news/architekturbiennale-venedig-2016-offenbach-is-almost-all-right?type=news_archive#news https://www.offenbach.de/kultur-und-tourismus/veranstaltungen/sonderveranstaltungen/arrival-city-offenbach-im-dam--03-2017.php http://derarchitektbda.de/tag/offenbach-is-almost-alright/ https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2017/04/2017-04-27-demogra estrategie-stadtentwicklung.html