Hochschulseminar – Wer hat Angst vor dem Zufall?
Interview mit Vanessa M. Carlow
Aline Gonsior, Fee Kreuzgrabe, Christina Kuzniak, Pauline Lang, Desiree Spahn, Stina Strangmann, Vivien Teske, Jule Viets, 20.02.2018
Univ.-Prof. Dr. Vanessa Miriam Carlow ist Architektin und Stadtplanerin und
seit Oktober 2012 Universitätsprofessorin an der TU Braunschweig.
Außerdem leitet sie dort das Institut für Nachhaltigen Städtebau.

Ist der Zufall für Sie mehr ein negatives Ereignis im Zusammenhang mit der Planung oder ein positives?

Zufall ist für mich erst mal keine “Kategorie” im Zusammenhang mit Planung, weder positiv noch negativ.
Ich weiß sozusagen nicht, was Sie meinen, wenn Sie im Zusammenhang mit Planung von “Zufall” sprechen.
Planung ist Planung. Dass niemals etwas wird, wie man es geplant hat, ist klar. Auch, dass Unvorhergesehenes geschieht. Aber das ist kein Zufall.

In wie weit spielt der Zufall in Ihrer beruflichen Arbeit eine Rolle?

Meinen Sie Zufälle beim Entwerfen? Zufällig lag ein Buch mit einem Bild von einem Gemälde offen und die blaue Farbe war so eindrücklich, dass wir sie im Projekt xyz benutzt haben.
Das kommt sicher vor. Aber ist das Zufall?

Oder meinen Sie meinen persönlichen beruflichen Lebensgang. Zufällig bin ich beim Studium Prof. Georg Augustin begegnet, der mir meinen ersten Job gab.
Das gibt es, aber weniger als man denkt. Man sollte schon wissen, was man will und versuchen, die eigenen Ideen umzusetzen.
Es soll tatsächlich Architekten geben, die Bohnen auf einen Lageplan werfen und daraus dann einen Entwurf ableiten. Das wäre dann irgendwie Zufall.
So habe ich allerdings nicht studiert und kann darum darüber nicht sprechen.

Wenn ja, welche Eigenschaften werden dadurch befördert und welche möglicherweise unterdrückt?
Offenheit hilft immer!

Gibt es für Sie eine Ästhetik des Zufalls oder der freien Komposition?

Freie Komposition ist aus meiner Sicht eine künstlerische Kategorie, Architektur und Städtebau sind nur bedingt Künste.
Mit dem Begirff Komposition kann ich da schon eher was anfangen, weil es Teil der Aufgabe ist, beispielsweise die gegebenen Raumprogramme miteinander und anderen Komponenten dessen, was wir unter “Stadt” verstehen (Ökonomie, Netzwerke, Regelwerke, NutzerInnen-Bedürfnisse, Repräsentation etc.), miteinander in Einklang zu bringen. Da kann man schon von Komposition sprechen, oder wie Materialien gefügt sind. “Frei” nein. Zwänge überwiegen.

Worin/ Woraus bestehen in Ihrer Arbeit als Stadtplaner/ Architekt die Anteile, die in ihrer Nutzung nicht festgelegt sind, also offenbleiben könnten?
Oder woraus könnten Sie bestehen? Welche Spielräume sehen Sie hier für sich in Ihrer Planungsarbeit?


Das ist eine der Kernfragen der planerischen Tätigkeit aus meiner Sicht: Wie viel von dem, was zukünftig möglich sein soll, in einem Stadtviertel, auf einem Platz, in einem Gebäude etc., müssen wir heute planerisch vorweg denken bzw. nicht verbauen. Was ist richtig: Hyper-Spezifizität oder totale Offenheit? Ich habe noch keine Antwort auf diese Frage gefunden, vermute aber, dass es auf die Bauaufgabe ankommt. Handelt es sich um eine Infrastruktur, ein Gebäude zu Wohnzwecken, einen Stadtplatz etc.

Sehen Sie einen stadtstrukturellen Zusammenhang zum Befördern/Initiieren selbstständigen Handelns in der Stadt (im Sinne eigenständiger Tätigkeiten, Eigeninitiative, Unternehmung) und umgekehrt betrachtet: Gibt es Stadtstrukturen, die diese Art von Handeln eher einschränken oder gar ausschließen?

Also, ob ich das sehe oder nicht, ist meines Erachtens gar nicht wichtig. Das ist eine sehr wichtige, essentielle Frage, deren Antwort präzise Auseinandersetzung - genauer gesagt: Forschung – bedarf. Wir arbeiten an solchen Forschungsprojekten.