Berlin Autofrei

Prof. Klaus Schäfer, 01.10.2021
Zum Artikel „Der Tagesspiegel“, Berlin Autofrei – Fußgänger und Radfahrer machen sich breit, 30. Mai 2021 von Jörn Hasselmann über eine Demonstration der Initiative „Volksentscheid Berlin autofrei“



Kultur des öffentlichen Raumes

Zum Wohle des gesellschaftlichen Miteinanders im städtischen Raum – um nichts weniger geht es bei dieser Berliner Initiative – wünscht man den Protagonisten eine möglichst breite Aufstellung innerhalb des Initiativnetzwerkes unserer Stadt, um diesen zukunftsorientierten Volksentscheid auf den Weg zu bringen.
Die Reaktion der Passanten entlang der Demonstrationsstrecke durch Friedrichshain und Kreuzberg von wohlwollend bis Schockstarre verdeutlicht, wie sehr ein lebensfeindlicher Zustand des öffentlichen Raumes als unabänderlich betrachtet wird. Die einseitige Verkehrsplanung vergangener Dekaden hat als vergröbernder Filter die interaktiven Räume besetzt und das urbane Gefüge zerlegt. Manch konviviale Lebensstrategie oder Kultur geht geradezu aus dieser Unwirtlichkeit einer deformierten Stadt hervor. So nimmt es kein Wunder, wenn zum Beispiel ein PKW mit massivem Erscheinungsbild wie der SUV als Bestseller gegen eine vermeintlich feindliche Außenwelt gilt. Diese individualisierte Abwehr wird von einer breiten Gesellschaft zudem schmunzelnd zur Kenntnis genommen.
Das Parken entlang unserer Straßen kommt einer Privatisierung des öffentlichen Raumes gleich. Verstellte und schmale Gehwege stellen den Missbrauch des Gemeinschaftlichen dar und das Fernhalten der Kinder aus diesem Bereich bedeutet das Aussperren eines wichtigen Teils der Stadtgesellschaft. Die zu Repräsentationszwecken angelegten Räume der einst preußischen Metropole – keine Stadt in Deutschland ist so großzügig ausgestattet – werden in jeder Form vom Kraftfahrzeugverkehr dominiert; sei es im unbändigen Transit oder im Bollwerk abgesperrter Seitenstraßen.
Nicht weniger Stadt, sondern viel mehr an Stadt im urbanen, im Sinne einer Förderung ziviler Räume, wird durch die Initiative zu einer greifbaren Vision. Zwischenmenschliche Begegnung im Alltäglichen, beiläufig, mit den positiven Eigenschaften des Anonymen, sind Bestandteile städtischen Lebens. Diese als Potential zu betrachtenden Eigenschaften sind abhängig von dem Maßstab, in dem wir miteinander ‚verkehren‘ können. – Verkehr, als Austausch von Beziehungen, ist eine Qualität des Stadtraums. Im egalitären Austausch aller Bereiche einer Stadt kann aber nicht ein Ort unter Preisgabe eines anderen bevorzugt werden. – Der Innsbrucker Platz ist als Lebensort genauso wichtig wie der Viktoria-Luise-Platz.
Wir dürfen uns an einer Zeitenwende wähnen, wo die vorherrschenden Zustände von Raum und Verkehr grundsätzlich verändert werden müssen. Dass dies möglich ist, ist die Kernaussage der Demonstration der Initiative „Volksentscheid – Berlin Autofrei!“. Die ‚Stadt der kurzen Wege‘ ist ein Qualitätsmerkmal und kein ökologischer Schnickschnack und zu Fuß gehen sollte kein Luxus sein. Ein Wesensmerkmal der Stadt ist, mit dem Raum sparsam umzugehen, dabei gleichsam kommunikativ und nachhaltig zu sein.
Ich behaupte, dass sich die Zahl der Radfahrer⋅innen verhundertfachen würde, wären unsere Straßen nicht so bedrohlich, erschiene vielmehr der Stadtraum als Einladung zum Fahrradfahren. Eine Großstadt ist dadurch groß, dass sie schier endlose Möglichkeiten bietet, sich in ihr zu bewegen. Leichthin ohne Grenzen, ohne trostlose vierspurige Demarkationslinien, die heute Quartiere voneinander abgrenzen.
Ich behaupte, dass sich Möglichkeiten des städtischen Zusammenlebens böten, die heute noch unerkannt bleiben. Die Kinder auf den Straßen oder Gehwegen unter der Obhut einer Nachbarschaft, nicht mehr in den für sie angelegten Reservaten. Es braucht einen gewissen Lernprozess mit dem Gut des öffentlichen Raumes umzugehen, in ihm eine neue Selbstverständlichkeit des Umgangs – sowohl zwischenmenschlich als auch seiner Ästhetik nach – zu entwickeln. Wir sollten uns vor einer Infantilisierung aber auch vor einem neuen Funktionalismus, mit streng zugewiesenen Nutzungsräumen, wie den Fahrradstraßen hüten. Auch hier geht es um das Miteinander der Verkehre!

(Erschienen 20. Juni 2021)
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