Hochschulseminar – Stadt und Rock 'n' Roll
 
Modellprojekt: Haus der Statistik, Berlin
Mirjana Ruffert, 18. Dezember 2023

The 'Haus der Statistik' is an icon of post-war modernism. The building is located near Alexanderplatz and stood empty for many years.

Now a new concept is being implemented there, which is progressing as a model project. It offers the opportunity to advance urban transformation processes.
This will create a green, productive and community-oriented district in line with the new Leipzig Charter.

The 'Haus der Statistik' project has bold goals and experimental approaches in the form of cooperation, the involvement of the urban community and the nature of the process.



Das Gebäude

Das Haus der Statistik wurde 1968-70 errichtet und besteht aus drei Teilen.
An der Karl-Marx-Allee steht der elfgeschossige Kopfbau, dem sich im rechten Winkel entlang der Otto-Braun-Straße ein Riegel mit neun Geschossen anschließt.
Dieser wiederum findet seine Fortsetzung in einem zurückversetzten Hochbau mit zwölf Geschossen.

Die Fassaden bestehen aus schmalen Fensterbändern mit Holzkastenfenstern und Betonbrüstungselementen.
Das Gebäude war der ehemalige Sitz der Staatlichen Zentralverwaltung für Statistik (SZS) der DDR und ging mit der Wiedervereinigung Deutschlands in Besitz des Bundes über.

Nach der Wende wurde das Haus der Statistik unter anderem durch den Dienstsitz der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes genutzt.
Seit dem Auszug der Behörden im Jahr 2008 war der rund 50.000 m2 große Gebäudekomplex ungenutzt.



Zugunsten eines neuen städtebaulichen Projekts ist der Rückbau des Hauses vorgesehen. Der Abriss sei dabei mit dem Argument begründet, das Gebäude entspräche nicht mehr den Anforderungen an ein modernes Bürogebäude.

Demgegenüber steht die geplante Umnutzung jenseits einer modernen Büronutzung. Für das Zentrum ist der bauliche Zustand und der Stand der technische Standard ausreichend. Außerdem kann über eine schrittweise Instandsetzung bedarfsgerecht ausgebaut werden.

Das Haus bringt durch seine Stahlbetonskelettbauweise sowie die vorhandenen Sicherheitstreppenräume eine große Flexibilität mit, was Nutzungsänderungen einfach zulässt, was ebenfalls für eine Sanierung spricht.



Das Gebäude liegt an einem sehr prägnanten Punkt im Stadtbild Berlins.
An der Ecke Otto-Braun-Straße / Karl-Marx-Alle beginnt zum einen das Denkmalensemble Karl-Marx Alle.

Zum anderen treffen hier drei sozialräumliche Strukturen aufeinander: das Wohngebiet entlang der Karl-Marx-Allee, die Einkaufszone um den Alexanderplatz und die Bürohäuser zwischen Ottobraun und Memhardstraße.

Zugleich kann das Haus der Statistik und sein Umfeld als Treffpunkt von drei Berliner Bezirken betrachtet werden: Mitte, Pankow und Friedrichshain-Kreuzberg.

Die besondere Lage an der Schnittstelle verschiedener sozialer und städtebaulicher Räume fordert geradezu nach einem sozial und kulturell dynamisierenden und integrierenden Begegnungsort an dieser Stelle.



Zeitstrahl vom Bau bis zur Fertigstellung der Umnutzung


Anlass zur Initiative

2015 wurde eine Kunstaktion am Haus der Statistik inszeniert:
die Allianz bedrohter Berliner Atelierhäuser (AbBA), eine Gruppe engagierter Künstler:innen, brachte über Nacht ein großes Poster im Stile eines offiziellen Bauschilds an der Fassade an: „Hier entstehen für Berlin: Räume für Kunst, Kultur und Soziales“. Damit wurde die Diskussion um die Zukunft des Gebäudekomplexes in die Öffentlichkeit getragen.
Wenige Wochen davor hatte der Berliner Senat zu einem öffentlichen Workshopverfahren zur städtebaulichen Neubewertung des Alexanderplatzes eingeladen, wobei auch das ehemalige Haus der Statistik besprochen wurde.

„Der Umgang mit dem Haus der Statistik stellt einen zentralen Aspekt in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit dar, insbesondere die langjährige Nicht-Nutzung eines Gebäudes an derart exponierter Lage stößt auf Unverständnis.
Für die Weiternutzung des Hauses der Statistik werden verschiedene Konzepte vorgeschlagen, sowohl die Nutzung für Studenten- oder Seniorenheime, als auch die temporäre oder bleibende Nutzung durch Kulturszene.“
In diesem Zuge formte sich die Initiative Haus der Statistik, ein Bündnis von verschiedenen Berliner Akteur:innen: Soziale und kulturelle Einrichtungen und Verbände, Künstlerkollektive, Architekt:innen, Stiftungen und Vereine.

Infolge öffentlichkeitswirksamer Aktionen der Initiative Haus der Statistik wurden 2015 die bisherigen Pläne für den Verkauf an Investoren und der geplante Abriss verhindert.



Ende 2017 wurde das Haus der Statistik durch das Land Berlin vom Bund erworben Leerstand als Ressource. Das Modellprojekt soll realisiert werden.
Die sich zunächst widersprechenden Nutzungskonzepte von Politik und Verwaltung auf der einen Seite, und von der Initiative auf der anderen Seite, werden in einer gemeinsamen Projektentwicklung zusammengeführt.
Um dieses Ziel zu erreichen, wurde eine neuartige, sehr konstruktive Akteurskonstellation geschlossen.

Die Koop5 fungieren als rechtsfähiger Vertreter

der Initiative Haus der Statistik: 


Die fünf Kooperationspartner arbeiten in gemeinsamer Verantwortung an der gemeinwohlorientierten Entwicklung des Quartiers.
So werden das zivilgesellschaftliche Wissen und Engagement mit der Expertise und Handlungsspielräumen der Verwaltung gekoppelt.

Die Kooperationsgemeinschaft “Koop5” schafft durch die Sanierung der Bestandsgebäude und durch ca. 65.000 m2 Neubau Raum für Kunst, Kultur, Soziales und Bildung, bezahlbares Wohnen sowie ein neues Rathaus für Mitte und Verwaltungsnutzungen. Der gemeinsamen Verantwortung für das Gelingen des Ganzen soll nicht mit Baurecht oder Baubeginn enden, vielmehr soll die Kooperation bis in die Nutzungsphase fortgesetzt werden.
Eine Kultur der Offenheit und gegenseitigen Vertrauens zieht sich als roter Faden durch den Prozess und die Kooperation. Verschiedene Fähigkeiten, Erfahrungen und Rollen finden in gegenseitigem Respekt zu einem produktiven Miteinander.
Sie löst den Widerstreit zwischen Verwaltung und zivilgesellschaftlicher Stadtentwicklung auf und kann so Vorbild für ähnliche Konstellationen an anderen Orten werden.

Dabei wurde das integriertes Werkstattverfahren angewendet, mit dem Ziel den unterschiedlichen Beteiligten und Planer:innen die Möglichkeit zu eröffnen, gemeinsam an den Konzepten mitzuwirken und einen Konsens zu erarbeiten. Gleichzeitig sollte mithilfe des offenen Prozesses ermöglicht werden, die Aufgabenstellung im laufenden Prozess stetig anzupassen.
Ein weiteres Ziel war es daher, Schritt für Schritt ein tragfähiges städtebauliches Konzept zu entwickeln, das die Grundlage für das anschließende Bebauungsplanverfahren auf dem Areal bilden soll.



Konzept
Das Konzept soll Antworten bieten auf verschiedene Herausforderungen in der sozialen Krise der Gesellschaft und der Gentrifizierungsproblematik in Berlin.
Durch die räumliche Nähe, Gemeinschaftsflächen, offene Bereiche und gemeinsame Aktivitäten entstehen wechselseitige, integrative Synergien für die Nutzer.innen im Haus und mit den Bewohnern der direkten Nachbarschaft.
Durch zahlreiche auch für Publikum offene Nutzungskonzepte entsteht ein Begegnungsort für die ganze Stadtgesellschaft.

       - Inklusives Wohnen - Integratives Arbeiten - Integrative Veranstaltungen -



Das neue Quartier wird als eigenständiger Stadtbaustein ablesbar.
Nach Außen erhält es einen klaren Rand und bezieht sich differenziert auf den Kontext. Nach Innen erhält es ein vielfältiges räumliches Angebot.
Der markante Rathausneubau bezieht sich als Hochpunkt auf das Haus des Reisens.
Das neue Quartier liegt somit nicht als isolierte Insel in der Mitte Berlins, sondern wird durch den bunten Nutzungsmix eng mit der Nachbarschaft verknüpft.

Geplant sind neben dem „Rathaus der Zukunft“ für den Bezirk Mitte und einem neuen Finanzamt ein gemischt-inklusives Raumprogramm für Bildung, Kultur und Soziales sowie der Neubau von 290 bezahlbaren Wohnungen und 17 Gewerbeeinheiten.

Insgesamt werden rund 66.000 Quadratmeter Neubau, die den Bestand des Hauses der Statistik um ca. 46.000 m², ergänzt. Die drei neuen Höfe („Stadtzimmer“) in der Mitte des Areals sollen für gemeinschaftliche Nutzung und Begegnung dienen.
Es werden zwei 15- und 12-geschossige Wohnhochhäuser entlang der Berolinastraße (sieben Geschosse) entstehen, welche durch einen 16-geschossigen Büroturm an der Otto-Braun-Straße für das neue Rathaus Mitte ergänzt wird.
Außerdem werden drei „Experimentierhäuser“ für wechselnde Nutzungen geplan sowie Dachgärten und Gemeinschaftsterrassen, die für zusätzliches Grün in der dichten Bebauung sorgen.













Fazit

Das Modellprojekt Haus der Statistik hat mutige Ziele und experimentelle Ansätze in der Form der Zusammenarbeit, der Einbindung der Stadtgesellschaft und der Art des Prozesses an sich.

Daraus hat sich ein robustes städtebauliches Konzept entwickelt, von dessen Qualität und Entwicklungspotential alle fünf Kooperationspartner überzeugt sind – eine ausgezeichnete Basis für die noch zu bewältigenden Aufgaben.

Die Stadt als Ort der gesellschaftlichen Vielfalt nimmt ab. In Berlin wird der Wachstumsdruck besonders deutlich: rapider Anstieg des Bodenwerts, knapper werdende bezahlbare Wohn- und Gewerberäume sowie ein zunehmender Verdrängungsdruck für Akteure aus den Bereichen Kunst, Kultur, Bildung, Gewerbe und Soziales.

Modellprojekte sind eine Chance, städtische Transformationsprozesse maßgeblich voran zu bringen. Durch besondere Akteurskonstellationen und verstärkten politischen Rückhalt können grüne, produktive und gemeinwohlorientierte Quartiere im Sinne der neuen Leipzig Charta entstehen.
Die Tatsache, dass Grund und Boden unvermehrbar und unentbehrlich sind, macht deutlich, dass es einer neuen, gemeinwohlorientierten und kooperativen Entwicklung unserer Städte bedarf.


Quellen
https://hausderstatistik.org/unterstuetzen/das-konzept-zum-download/
https://hausderstatistik.org/wp-content/uploads/2016/08/haus_der_statistik_ein_angebot_an_berlin_online.pdf
https://www.wbm.de/neubau-berlin/mitte/haus-der-statistik/
https://raumlabor.net/haus-der-statistik/
https://berlinerstadtwerke.de/energieprojekte/quartier-haus-der-statistik/